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Geschichte des FEG

Autor: Dr. Abelein

(1.) 1796 - 1832: Eine Realschule entsteht
(1.1.) Die Gründung 1796: Dichtung und Wahrheit oder: Schiller war kein FEGler
(1.2.) Realismus gegen Humanismus: Denkwürdige Sachen fürs gemeine Leben oder blosse Worte?
(2.) 1832 - 1875: Von der Realschule zur Realanstalt
(2.1.) Trennung von den Latein- und Gelehrtenschulen
(2.2.) Abgrenzung von der Berufsbildung
(2.3.) Im Sog des Polytechnikums
(2.4.) Abgrenzung nach unten: Die Entstehung der Bürgerschule
(2.5.) Die Herausbildung und Profilierung der realistischen Fächer
(2.6.) Der Unterricht: Ein Visitator kommt
(2.7.) Minderbegabte und minderbegünstigte Schüler: Handwerkersöhne und junge Adlige
(2.8.) Die Revolution 1848/49
(2.9.) Gebäude und Gelasse
(3.) 1871 - 1918: Der Anstalt Glanz und Gloria
(3.1.) Der Aufstieg: Realismusstreit und Brechung des Gymnasialmonopols
(3.2.) Der Lehrplan: mehr Allgemeinbildung und eine Prise Reformpädagogik
(3.3.) Die Realanstalt als Institution des monarchischen und nationalen Obrigkeitsstaates
(3.4.) Lieber Zucht als feminine Weichlichkeit! Aus der Disziplinargeschichte des FEG
(3.5.) Die Oberlehrer der Realanstalt: lauter wichtige Männer!
(3.6.) Die Schüler: am Abend lange in der Kneipe
(3.7.) Schulerbuben - die Jahrgänge 1870 - 1872
(3.8.) 1914 - 18: Patriotismus und bröckelnde Fassade
(4.) Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg (1919 - 1945)
(4.1.) Weimarer Republik: Neuer Staat - alte Schule
(4.2.) Nationalsozialismus und Krieg
(5.) Bemerkungen zur Nachkriegsgeschichte am FEG
(5.1.) Erbärmliche Anfänge
(5.2.) Bildungspolitische Entscheidungen
(5.3.) Notizen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte am FEG
(5.4.) Schulleben: Restauration und Vordringen kommerzialisierter Medien-, Konsum- und Freizeitwelt



(1.) 1796 - 1832: Eine Realschule entsteht

(1.1.) Die Gründung 1796: Dichtung und Wahrheit oder: Schiller war kein FEGler

(1.1.1.) Dichtung

Angenehm und nützlich ist es, sich im Glanz vornehmer Herkunft zu sonnen. Daher fehlte es in der Vergangenheit nicht an Versuchen, das Friedrich-Eugens-Gymnasium als Nachfahren der 1794 geschlossenen Hohen Karlsschule - Herzog Carl Eugens "Geschenk für Europa" (Otto Borst) - auszugeben und es so auch Friedrich Schiller, dem Karlsschüler, näherzurücken.
Freilich kam während der ersten 100 Jahre der Schulgeschichte noch niemand auf solche Gedanken. Die Erinnerung an die Karlsschule war ungetrübt, es wurde ihrer respektvoll gedacht (1), ohne daß je ihr Fortleben in Gestalt einer Realschule erwähnt wurde. Und weder Rektor Kieser in seiner "Geschichte der Realanstalt" von 1846 noch Rektor Frisch1865 in der ergänzten Neuausgabe dieser Schrift kamen auf die vornehme Herkunft ihrer Schule zu sprechen (2).
Erst gegen Ende des Jahrhunderts, im Jahr 1895, wurde in einem umfangreichen Zeitungsartikel ein - allgemeiner - Zusammenhang zwischen den Realschulen und der Hohen Karlsschule hergestellt: Deren Aufhebung sei "Ausgangspunkt zur Gründung von Realschulen in Württemberg" geworden (3) - tatsächlich aber, was der Verfasser übersah, existierte eine solche schon seit 1783 in Nürtingen (4). An der Friedrich-Eugens-Realschule war es dann 1918 zum hundertjährigen Jubiläum ihres Bestehens als selbständige Schule so weit: Rektor Hirsch führte ihre "Urgeschichte" auf die Hohe Karlsschule zurück (5). An diesen Gedanken knüpfte Dr.Leins beim nächsten Jubiläum - 1946, gefeiert 1947 - an, indem er von der Friedrich-Eugens-Oberschule sagte: "Hervorgegangen ist sie aus der Hohen Karlsschule" (6).
1971 - beim 175jährigen Jubiläum - war man zurückhaltender. Zwar wurde auf die edle Herkunft wieder angespielt (7), der Mann aber, der es am genauesten wissen mußte, Schulleiter Kessler, der unermüdliche und akribische Archivar der Schule, erkannte nur einen "inneren Zusammenhang" zwischen Karlsakademie und Realschule (8).
Und doch lebt die Legende weiter und wurde von unparteiischer Seite sogar so gedehnt, daß sie auch der Geschichte der Universität Stuttgart zu mehr Würde verhalf: Im Katalog zur großen Napoleon-Ausstellung von 1987 heißt es autoritativ: "Einflüsse (der Hohen Karlsschule) ... wirkten in Stuttgart ... weiter ..., vor allem wurde schon 1796 ... eine Realschule eröffnet, die sich später verselbständigte und aus der sich endlich die Technische Hochschule entwickelte" (9).
Und Friedrich Schiller?

Die Brücke von ihm zur Realschule spannte sich zunächst nicht zwischen beider Herkunft aus der Karlsakademie, sondern zum Wirken zweier bekannter Lehrer der Realanstalt im 19.Jahrhundert: J.G.Fischer, Dichter auch, prägte jahrelang als Festredner bei den Stuttgarter Schillerfesten die feierliche Atmosphäre (10), und Otto v.Güntter, ebenfalls an der Schule tätig, gründete das Marbacher Schiller-Nationalmuseum und wurde dessen Leiter (11).
Etwas anders gelagert war die Verbindung zwischen Schule und Schiller, die 1905 zu des Dichters 100.Todestag hergestellt wurde."Abordnungen" aus allen Klassen nahmen am "Huldigungszug" - längst galt Schiller als Fürst - zum Schiller-Denkmal teil (12), und ein ehemaliger Realschüler, nämlich Willy Widmann, Jahrgang 1871 und ein populärer Stuttgarter Wirt im Bohnenviertel, wurde in diesem Festzug als Schiller kostümiert durch Stuttgart getragen (13). Die Schüler der 8.Klasse erhielten zum Andenken an diesen Tag von einem Vater alle "eine Taschenuhr mit dem Relief von Schiller auf dem Deckel". Prof. Rayher aber sprach in der Turnhalle der Schule zum Thema "Schillers Jahre in der Karlsschule" (14).
Fast fünfzig Jahre ruhte dieses Motiv. Dann wurde es breit durchgeführt: 1953 gab die Theatergruppe der Schule anläßlich der Einweihung des Schulhauses in der Silberburgstraße Heinrich Laubes"Karlsschüler", und das Programm war so abgefaßt, daß der Leser in Schiller tatsächlich einen ehemaligen FEG-Schüler vermuten durfte: "Die Hohe Karlsschule ist die direkte Vorläuferin des Friedrich-Eugens-Gymnasiums und somit Schiller Vorgänger der heutigen 'Pennäler'" (15).

Inhaltsverzeichnis

(1.1.2.) Wahrheit

Die Wahrheit ist folgende: Bei Gelegenheit der Schließung der Hohen Karlsschule wurde das Stuttgarter Gymnasium umgestaltet, und im Zuge dieser Reform entstand in ihm eine realistische Abteilung, zwei Klassen umfassend.
Die Hohe Karlsschule, an der realistische Fächer gelehrt wurden, hatte 1782 den Status einer Universität erhalten, und es fehlte ihr gegenüber der Landesuniversität Tübingen, wo man bei ihrer Schließung hörbar aufatmete (16), nur die theologische Fakultät. Ihre Zöglinge traten in "Ministerial-, Hof- und Kriegsdienste" (17), und zwar in hohen Positionen.
Die Schließung der Karlsschule führte zu einer Überfüllung des Gymnasiums mit ehemaligen Karlsschülern aller Altersstufen. Sie alle hatten das Ziel, die Karlsschule ganz zu durchlaufen und nicht mit 14 Jahren, wie das dann für die Realschüler galt, eine Lehre zu beginnen. Denn schon 1771, mit dem beginnenden Ausbau der ehemaligen Waisenhausschule zur Akademie, hatte man "Zöglinge, die" auf ihr "einen handwerklichen Beruf ergriffen ... oder zu einer höheren Erziehung die Begabung nicht besaßen, aus der Schule entfernt" (18). Mit dem Zuzug der Karlsschüler, die also einen höheren Abschluß im Sinn hatten, wurde "der Andrang von Schülern in dem untern und mittlern Gymnasium (heute: Unter- und Mittelstufe) so groß, daß es den Lehrern unmöglich war, die nöthige Aufsicht zu führen" - das schrieb 1846 Realschulrektor Kieser, der den Anfängen noch nahestand (19).
Damit verschärfte sich das Problem, daß lange schon Schüler das Gymnasium besuchten, die dort gar nicht bis zur letzten Klasse bleiben wollten (20). In Stuttgart wie auch in anderen Städten hatten gegen Ende des 18.Jahrhunderts Gymnasien die Funktion von "Grund- und Hauptschulen für das städtische Bürgertum" übernommen (21). Mit der Eröffnung der realistischen Abteilung 1796 am Gymnasium wurde hier für Entlastung gesorgt. Das herzogliche Dekret vom 6.Juni 1796, die "Gründungsurkunde" des FEG, stellt diesen Zusammenhang eindeutig her, wenn in ihm von "der ursprünglichen Bestimmung des Gymnasiums zu einer gelehrten Anstalt" ausgegangen und gesagt wird, daß "künftig diejenigen Jünglinge, welche nicht zum Studium bestimmt sind und doch das Gymnasium zum Nachteil der Studierenden so häufig frequentieren, von den gelehrten Abteilungen getrennt werden" (22). Das Gymnasium schärfte - modern gesprochen - sein Profil.
Die unruhige, vielleicht wegen der Französischen Revolution geschlossene Karlsschule (23) sollte aber gerade nicht fortgeführt werden. Eine aus Anlaß ihrer Schließung eingesetzte Studienkommission hatte zwar die entstandenen "Lücken" in einem Gutachten aufgelistet (24) und zum Ersatz für die mit der Akademie verlorengegangenen Unterrichtszweige neue Bildungseinrichtungen vorgeschlagen, darunter auch eine "Realschule" - aber Herzog Ludwig Eugen befürchtete, daß so die ungeliebte Akademie "wieder aufleben würde" (25). Keine der von der Kommission bemerkten "Lücken" - z.B. höherer Militärunterricht oder Kameralwissenschaften - wurde in diesen Jahren geschlossen, und die durch dieses Gutachten allenfalls angeregte Gründung der realistischen Abteilung des Gymnasiums stellte wahrlich keinen Ersatz für die Hohe Karlsschule dar, auch nicht "teilweise" oder "in gewissem Sinne" (26).
Der Zusammenhang zwischen Realschule und Karlsakademie bleibt zunächst äußerlich, vergegenständlicht in einem "Zeichnungsapparat", der von der Karlsschule an die realistische Abteilung des Gymnasiums gelangte (27), und verkörpert in jenem Zeichenlehrer Sanboeuf, der erst dort und dann hier unterrichtete und wohl jenen Apparat bediente (28).
Kontinuitäten sind anderswo zu beobachten, nämlich in milder Form am oberen Gymnasium (heute: Oberstufe), wo zum Unwillen der eingesessenen Lehrerschaft fünf Professoren der Karlsschule tätig werden durften, indem sie in geringer Dosis den Schülern "Realien" verabreichten (29).
Die Einrichtung der Realschule aber wurde den skeptischen Herren vom Gymnasium dadurch schmackhaft gemacht, daß ihnen so "mehrere Subjecte entzogen würden, über deren Ungelenkigkeit, Faulheit und Ungezogenheit (sie) immer Klage führen ..." (30).

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(1.2.) Realismus gegen Humanismus: Denckwürdige Sachen fürs gemeine Leben oder blosse Worte?

Die Vorbehalte am Stuttgarter Gymnasium gegen den "Realismus" können aus der Geschichte der höheren Bildung in Württemberg leicht erklärt werden (31).
Hier herrschten bis zum Ende des 18.Jahrhunderts im Grunde noch die Verhältnisse, die Herzog Christoph im Zuge der Durchführung der Reformation 1559 mit seiner "Großen Kirchenordnung" geschaffen hatte. Über ungefähr 50 im Lande verteilten städtischen Lateinschulen erhoben sich 13 Klosterschulen sowie die Pädagogien in Tübingen und Stuttgart (hier als Vorgänger des Gymnasiums). Die Klosterschulen bereiteten ihre Absolventen auf das Studium der Theologie in Tübingen vor, die Pädagogien sollten auch den Weg in die anderen Fakultäten öffnen. Dieses System zielte als Teil einer Kirchenordnung mit dem Konsistorium an der Spitze seinem Ursprung nach darauf ab, die Reformation dauerhaft zu verankern und dafür Begabungsreserven aus dem ganzen Lande und aus allen Ständen zu erschließen.
Tatsächlich aber wurde die gelehrte Bildung zu einer Angelegenheit der "Ehrbarkeit", jenes Kreises städtischer Familien, die höhere Beamte und Geistliche hervorbrachten. Die entscheidende Hürde stellte auf diesem Bildungsweg das Landexamen dar, die berüchtigte Konkursprüfung, die den Zugang zu den Klosterschulen, später Seminarien (z.B. Maulbronn) regulierte. Wie sehr das Landexamen bzw. die Zulassung zu ihm zu einem sozialen Filter geworden war, zeigt folgende Bemerkung in einem Reskript von 1811: "... so wie die Söhne der Handwerker und Bauern überhaupt nicht studiren sollen, so kann bei denselben auch die Aufnahme in die zur Bildung evangelischer Geistlicher bestimmten Seminarien nicht stattfinden" (32).
Die gelehrte Bildung durch alte Sprachen, die im 16.Jahrhundert ihren reformatorischen Sinn gehabt hatte, diente nunmehr der Abschließung einer kirchlichen und nach Ausweitung der Staatstätigkeit auch bürokratischen Elite, die hohes Interesse daran hatte, den alt- und später neuhumanistischen Bildungsgang rein zu erhalten. Die Tendenz kann mühelos noch durch das ganze 19.Jahrhundert verfolgt werden: Bei der Debatte 1881 in der Abgeordnetenkammer des Landtags über die Finanzierung eines zweiten Gymnasiums in Stuttgart - 1885 öffnete es als Karlsgymnasium - wurde z.B. dessen Notwendigkeit nicht mit dem beachtlichen Wachstum Stuttgarts begründet, sondern mit der"Zentralisierung der Verwaltung" in der Residenz, die zu erhöhter "Frequenz" des Gymnasiums geführt habe, und daher sei "der Staat für die Ausbildung der Söhne dieser Beamten zu sorgen" verpflichtet (33).

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(1.2.1.) Alles immer bei dem Alten lassen!

Es hat vor 1796 in Württemberg Ansätze realistischer Bildung gegeben, aber keiner von ihnen konnte das althumanistische höhere Bildungswesen erschüttern.
Ein erster Versuch, das Stuttgarter Pädagogium solchen Bildungsinhalten zu öffnen, findet sich schon im 17.Jahrhundert und verlief im Sande. Dabei entstand neben dem Pädagogium, aber als ein Teil derselben Institution, das seither so genannte "Gymnasium", in dessen oberer Abteilung Französisch und Spanisch, Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik, Mechanik, aber auch Reiten, Fechten, Tanzen, Ballspielen erlernt werden konnten (34). Das in Frankreich beheimatete Bildungsideal des Galant Homme scheint auf, das zugleich Ausbildungsprogramm der Funktionsträger im absolutistischen Staat war.
Diese Reform faßte aber in Stuttgart nicht dauerhaft Fuß, der bürgerliche althumanistische Bildungsweg blieb von diesem realistischen, auf den Adel zugeschnittenen getrennt. Für ihn gab es in Tübingen seit 1589 eine Ritterakademie (35), die in Anspruch genommen wurde, wenn adlige Erziehung nicht Hofmeistern anvertraut blieb.
Selbstverständlich gehört auch die Hohe Karlsschule in die Tradition solcher Akademien (36). Mit ihrer Gründung begab sich Herzog Karl Eugen gegen die Neigung des Konsistoriums, im Bildungswesen "alles immer bey dem Alten zu lassen" (37), auf einen Umweg, um eine auf Hof und Staat bezogene, realistisch gebildete Verwaltungselite heranzuziehen. Jedoch gelang es ihm nicht, die Existenz seiner Akademie in der Verfassung des Landes zu verankern: Sie blieb seine eigene Einrichtung neben dem der Kirche unterstehenden höheren Bildungswesen. Kam ein Nachfolger wie Herzog Ludwig Eugen, der die Karlsschule nicht weiterführen wollte, war es leicht, sie unter Beifall von Landschaft und Konsistorium zu schließen (38).
Übrigens wurde im aufgeklärten Milieu der Karlsschulprofessoren für realistische Bildungsreformen plädiert (39) - an dieser Stelle kann man den von M.Kessler konstatierten "inneren Zusammenhang" zwischen Karlsschule und der Realschulgründung von 1796 finden, und in diesem ganz allgemeinen Sinne geht auch der Zeitungsartikel nicht ganz fehl, der das württembergische Realschulwesen auf die Karlsschule zurückführt (s.o.).
Der realistischen Bildung redeten lange vor den Karlsschulprofessoren schon württembergische Pietisten in der Nachfolge Johann Valentin Andreaes (1586 - 1634) das Wort, aber nicht weil sie auf Nutzanwendung drängten, sondern weil sie Gott nicht allein in der Bibel, sondern auch in der Schöpfung suchten. Es fehlte dem württembergischen Pietismus der calvinistische Einschlag, der Arbeit und Nützlichkeit im Sinne innerweltlicher Askese (M.Weber) zur Heilsversicherung benötigte. Die orthodox lutherische, auf die Schrift hin orientierte Vorstellung des Stuttgarter Konsistoriums von theologischer und gelehrter Bildung war durch diese Spielart des Pietismus nicht gefährdet (40).

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(1.2.2.) Ein längst gefühltes großes Bedürfniß

Daß erste Realschulen in Württemberg erst gegen Ende des 18.Jahrhunderts entstanden - gut 50 Jahre nach der Eröffnung der"ökonomisch-mathematischen Anstalt" des J.J.Hecker in Berlin, der ersten dauerhaften Realschule im Reich, die Folgegründungen nach sich zog (41) -, lag jedoch nicht nur an dem Beharrungsvermögen des württembergischen Konsistoriums und des Althumanismus, sondern mehr noch an der verhaltenen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Im Gegensatz zum merkantilistischen, damit moderneren Preußen und dessen praktisch orientiertem Protestantismus - der Realschulgründer Hecker war ein Pietist dieses norddeutschen Typs (42) - herrschte in Württemberg noch das traditionalistische, auf Bedarfsdeckung hin orientierte "handwerksmäßige Wirtschaftssystem" (Sombart): "Handel und besonders Kunstfleiß blühen in Wirtemberg wenig ... Der Verbrauch der einheimischen Produkte schränkt sich meistens nur auf Erfordernisse der Notdurft ein, ..." (43) - so schrieb 1795 aus "Wirtemberg" ein ehemaliger Schüler der Heckerschen Realanstalt, nämlich der prominente Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai.
Diese württembergischen Handwerker brauchten keine Realschulen, sondern kamen mit Elementarkenntnissen im Schreiben und Rechnen aus. Die Ausbildung des Nachwuchses vollzog sich in der Lehre; das didaktische Prinzip war die Nachahmung; die Regeln, nach denen gearbeitet wurde, standen fest. Eine theoretische, rationale, rechenhafte, auf Optimierung des Arbeitsprozesses angelegte Analyse war dieser Welt fremd.
Wenn dann doch in Stuttgart der Besuch des Gymnasiums zunahm und eine Realschule hier früh gegründet wurde, beweist dies, daß sich am ehesten in der Residenzstadt in der mittleren Bürgerschicht Interesse an schulischer Bildung zu regen begann, die über Elementarkenntnisse und den Katechismus - den zentralen Lerninhalt an den "deutschen" Schulen ( = Volksschulen) - hinausreichte. Daß tatsächlich, wie bei der Eröffnung der Realschule beabsichtigt, die "Mittelschicht" das neue Bildungsangebot wahrnahm, beweist eine Liste von 1819: Die Väter der Schüler, die damals zur Realschule angemeldet wurden, waren Kaufmann, Gastgeber, Buchbinder, Schönfärber, Hofstukkator, Hofgürtler, Hofhändler, Hafner, Bürstenbinder, Kammerdiener usw. - und es war nicht typisch, wie Weckherlin, der erste Rektor der Schule, glauben machen wollte, "daß neuerlich manche Honoratioren ihre Söhne für das bürgerliche Leben bestimmen", nämlich nach Ausweis dieser Liste lediglich in Gestalt eines einzigen "Hofrats" (44).
Mit der Erweiterung des Bildungsinteresses im "Mittelstand" hatte auch die Eröffnung einer Elementarklasse an der Realschule im Jahre 1817 zu tun. Weckherlin verwies in seinem Antrag auf Einrichtung dieser Klasse "für kleine Knaben besonders, aus dem Mittelstande" auf ein "längst gefühltes großes Bedürfniß" (45). Und als er nach der Trennung der Realschule vom Gymnasium ein zusätzliches "Lehrzimmer" beantragte, weil zu viele Schüler angemeldet worden waren, berief er sich wiederum auf das mittelständische Bildungsinteresse der Eltern, denen es "sehr schwer fallen" würde, "wenn sie die Lehranstalt, die ihnen für den künftigen Beruf ihrer Söhne am zweckmäßigsten scheint, nicht sollen wählen dürfen und können ..." (46).
Nimmt man all dies zusammen, so gilt für Stuttgart, daß in der Entstehungsphase der Realschule eine beachtliche Nachfrage nach höherer schulischer Bildung bestand, die sich in erhöhtem Zulauf zum Gymnasium, aber auch in zunehmendem Interesse an realistischer Bildung äußerte. Den Reformprozeß stieß die Schließung der Hohen Karlsschule an, indem sie zu einer Überfüllung des Gymnasiums führte. Die Reform des Gymnasiums verband sich mit dem erfolgreichen, sozial defensiven Versuch, den mittelständischen Realismus, wenn er schon nicht mehr ganz zu unterdrücken war, vom Gymnasium fernzuhalten. Diese Strategie kann am Gymnasium auch weiterhin beobachtet werden, so während des Trennungsprozesses von der Realschule nach 1818, aber auch 1867 bei der Entstehung des Realgymnasiums ( = Dillmann-Gymnasium) in der Aufgabe der - aus neuhumanistischem Blickwinkel nunmehr - bespöttelten"Barbarenklassen" (47), an denen kein Griechisch unterrichtet wurde. Sie bildeten den Grundstock des Realgymnasiums.

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(1.2.3.) 1818 - 1832: Innovation und Improvisation

Der zweite markante Punkt in der Geschichte der Stuttgarter Realschule ist nach ihrer Gründung 1796 ihre Trennung vom Gymnasium 1818. Dieses Ereignis ist zunächst als ihr eigentlicher Anfang gesehen worden: 1868 wurde das fünfzigjährige Jubiläum der Schule aufwendig begangen (48), und auch 1918 fand trotz Krieg im Rahmen des Schuljahrabschlusses eine kleine Hundertjahrfeier statt (49). Die Entstehungsphase der Schule endete 1832, als sie ein zweites Mal, und nun endgültig, selbständig wurde, nachdem sie drei Jahre lang Teil der"Vereinigten Kunst- Gewerbe- und Realschule" gewesen war.
Für den Zeitabschnitt 1818 - 1832 sind drei Überlegungen wichtig:

1. Die Verselbständigung der Schule 1818 gehört in den Kontext eines Ausbaus des Stuttgarter Schulwesens, der gekennzeichnet ist durch Differenzierung und Hierarchisierung. Die 1817 eröffnete Elementarschule als der Realschule und des Gymnasiums gemeinsamer Unterbau - ihr Besuch setzte Beherrschung von Lesen und Schreiben voraus (50) -, ordnete die Realschule den höheren schulischen Einrichtungen zu und hob sie von der noch "deutsche Schule" genannten Volksschule ab. "Deutsche Schulen" waren in der großen Kirchenordnung 1559 den lateinischen Schulen als ein zweiter Schultyp an die Seite gestellt worden. Aber die Aufwertung humanistischer Bildung in der Folgezeit (s.o.) hatte zu einer Hierarchie zwischen den beiden Schultypen geführt, in welcher die Realschule nun den mittleren Rang einnahm über der durch ihre pädagogische Ausrichtung (Philanthropismus) bemerkenswerten Stuttgarter Waisenhausschule, die im Lehrplan - mit Realien! - über die katechetische Volksschule hinausreichte und sich, obwohl für Waisen, von der "Industrieschule" (seit 1802) unterschied, in der sozial benachteiligte Kinder, darunter auch Waisen, als billige Arbeitskräfte ausgebildet und beschäftigt wurden. 1818 wurde auch das Katharinen - Stift eröffnet, um dem "weiblichen Geschlechte" das zu bieten, "was das Gymnasium der männlichen Jugend ist" (51). 1825 entstand aus dem Zusammenschluß einiger Privatschulen eine Mittelschule für Mädchen, in der Hierarchie der Schulen das Gegenstück zur Realschule. Bildung erhielt in diesen Jahren im Lande, wo die Schulpflicht um 1840 schon recht früh durchgesetzt war (52), einen höheren Stellenwert. Ein Gesamtkonzept hat es in Stuttgart allerdings nicht gegeben, sondern staatliche (z.B. die Realschule), städtische (die Elementarschule) und private Bestrebungen konkurrierten eher miteinander.
2. Die Verselbständigung der Realschule 1818 ist das bescheidene Ergebnis von ersten Versuchen, in Stuttgart eine polytechnische Schule zu schaffen: ein Projekt der "Gründerjahre" nach dem Wiener Kongreß (1814/15) und langen Kriegsjahren (53).
Das Vorbild eines Polytechnikums stand in Paris als ein Kind der Revolution. An der Ecole Polytechnique wurden erstmals die Naturwissenschaften zur Grundlage der Technik gemacht - an Stelle hergebrachter Regeln, denen mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse nachträglich hinzugefügt wurden (54). Baden hatte in Karlsruhe seit 1815 eine solche Schule, die Fachkräfte für den praktischen Staatsdienst (z.B. Straßenbau, Wasserbau) ausbildete.
Der dem Realismus aufgeschlossene württembergische König Wilhelm I. kannte die Ecole Polytechnique und hat den Plan einer vergleichbaren Schule in Stuttgart vielleicht sogar angeregt (55). Für eine "Höhere physikotechnische ... oder poly-technische Schule" trat auch die Oberstudien-Direction am Ministerium ein, welcher die bisherige Realschule "nicht hinreichend" erschien für "diejenigen jungen Leute, welche ohne sich einem eigentlichen gelehrten Universitätsstudium zu widmen, doch einen höheren Grad von Bildung und Brauchbarkeit für das praktische Leben" anstrebten (56). Der König wich zuletzt aber zurück und empfahl, am Gymnasium den naturwissenschaftlichen Unterricht zu erweitern. Als Grund wurde Geldmangel angeführt; vielleicht hat auch ein Polytechnikum nicht ins politische Klima der Restauration gepaßt (1817: Wartburgfest).
So blieb das einzige Ergebnis die Verselbständigung der Realschule und ihre Erweiterung um eine vierte Klasse. Ihre Schülerzahl wuchs in den folgenden Jahren. Den vier Klassen von 1819 wurde ein Jahr später eine fünfte, 1821 eine sechste für Schüler von 14 bis 16 Jahren und 1824 sogar eine siebte hinzugefügt (57). Nachfrage war vorhanden.
3. Die "Königliche Real- und Gewerbe-Schule" von 1829 bis 1832 ist das Resultat eines nach 1817 fünften Versuchs, eine polytechnische Schule zu gründen; dazwischen lagen 1822, 24 und 25 erfolglose Vorstöße (58). Von vorneherein blieb klar, daß sich Württemberg ein Polytechnikum "nach den in Wien und Prag bestehenden Mustern" wegen seiner Kleinräumigkeit und beschränkter Finanzen nicht leisten wollte (59). Am 23.März 1829 erklärte sich Wilhelm I. damit einverstanden, daß "die Grundlage" einer "künftigen Gewerb-Schule durch eine hiesige Real-Anstalt gebildet" werde (60).
Als Grund dieses Sinneswandels sind Notwendigkeit und Bedürfnis auszumachen, das Königreich von der wirtschaftlichen Modernisierung anderer Länder nicht auszuschließen, vielmehr zur "Beförderung der vaterländischen Industrie" (61) beizutragen. So werde "ein sehr zu berücksichtigender Teil der württembergischen Jugend seine Bildung fortan nicht mehr in der Fremde ... zu suchen haben" (62).
Die neue Schule sollte demnach eine zentrale Einrichtung für das ganze Land sein. Denn die "Gerechtigkeit" und "Politik" müßten den Besuch einer solchen Stuttgarter Schule "auch dem Landbewohner und dessen Söhnen" ermöglichen "ohne den für die meisten unerschwinglichen Aufwand eines achtjährigen Aufenthalts in der Residenzstadt" (63). Daher wurden den bestehenden sechs Realschulklassen lediglich die veränderte siebte und eine neue achte als "Kunst- und Gewerbeschule" aufgesetzt. Das Publikum aus der Provinz mußte nach Absolvierung einer dortigen Realklasse in die siebte Stuttgarter Klasse eintreten können.
Und doch wurde die Stuttgarter Realschule als staatliche Gründung, wegen ihres Standorts in der Residenz und nun ihrer Anbindung an die Gewerbeschule zum Modell für das ganze Land. In dieselbe Richtung hatte schon ihr zeitlicher Vorsprung als erster selbständiger realistischer Anstalt im Lande gewirkt. Noch im Jahr 1900 wurde in der Stundentafel "für die zehnklassigen Realanstalten" der "an der Friedrich-Eugens-Realschule" mittlerweile "auf Grund eingetretener Änderungen" erreichte Stand eigens verzeichnet (64). Daß sie die "erste" im Lande sei, wurde im 19. Jahrhundert stehende Wendung.
Die Zahl der Anmeldungen gab der in der Presse hochgelobten Konzeption der neuen Schule (65) recht. Am 9.Nov. 1829 meldete Weckherlin, der Vorstand auch dieser erweiterten Schule, 331 Schüler (66). Es tauchten jetzt auch Söhne aus Familien der Ehrbarkeit auf, z.B. Nopper, Ostertag, Autenrieth, dazu Duvernoy, Elben, Feuerlein, Gutbrod, Zumsteeg (67).
Dennoch war dem "Zwitter" (68) nur ein kurzes Leben beschieden. Dabei war nicht die mangelnde Verzahnung des Bildungsgangs zwischen den ersten sechs und den beiden oberen Klassen das Problem, sondern die Mischung von realistischer Allgemeinbildung, Fachschulbildung und höherer technischer Bildung (auch in der Kunst, hier besonders der Architektur).
Der "landwirtschaftliche und Handelsverein", neben Weckherlin in dem für die Schule maßgebenden "Schulrat" gut vertreten (69), drängte auf berufsbezogene Fachbildung (70). Weckherlin wollte realistische Allgemeinbildung für vorhandene Berufe im 'Mittelstand', zu denen er Berg-, Forstleute, Militärs, Schreiber, Landwirte, Gastwirte, Händler, Konditoren, niedere Chirurgen, Lehrer an deutschen Schulen, Geometer, Musiker, Schriftsetzer rechnete (71). Mit Blick auf diese Begrenztheit und auf seine unermüdliche Produktion von Lehrplänen hat O. Borst in seiner Geschichte der Universität Stuttgart für Weckherlin nur Spott übrig: Er gilt ihm als "fleißiger Schulmann", der die mögliche Modernität der Gewerbeschule nicht sah oder nicht hat "sehen wollen" (72).
Karl M. Heigelin hingegen, der erste Vorstand der Gewerbeschule 1832, war von der Notwendigkeit wissenschaftlicher "technischer Bildung" - sein eigener Ausdruck! (73) - zutiefst überzeugt. Dieser frühere Privatdozent an der Universität Tübingen und erfolgreiche Architekt hat im Ministerium offenbar geäußert, daß die (noch vereinigte) Gewerbeschule, also die Klassen 7 und 8, mit der Realschule so wenig zu tun habe wie die Universität Tübingen mit dem Tübinger Lyzeum (74).
Das schnelle Ende der "Vereinigten Gewerbe- und Realschule" scheint vor allem sein Werk gewesen zu sein (75). Stuttgart hatte 1832 damit zwar kein Polytechnikum, aber eine Gewerbeschule und wieder eine sechsklassige Realschule.


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(1.2.4.) Der Lehrplan: Die schwere Trennung vom Latein

"Realia", lesen wir in Zedlers Lexikon von 1741, "heissendenckwürdige und nützliche Sachen, die nicht in blossen Wortenbestehen" - wie die Altphilologie, die sich am Stuttgarter Gymnasium inder "Alleinherrschaft des Latein" (76) äußerte. Und das GrimmscheWörterbuch teilt mit, daß die erste Realschule - in Magdeburg 1706 -eröffnet wurde, um "der Schuljugend ... marter im lernen zuerleichtern, und ihr das schulgehen und lernen durch reellevorstellungen angenehmer, und sie zum gemeinen leben geschickter zumachen."
Wie geschah das an der Realanstalt?
Die Präzeptoren des Gymnasiums waren 1795 aufgefordert worden,Vorschläge auszuarbeiten (77). Was ein Jahr später nach einem PlanSchmidlins, des Rektors des Gymnasiums, in die Tat umgesetzt wurde,wich jedoch nicht bedeutend vom Lehrplan des Untergymnasiums ab: An derRealschule gab es kein Griechisch und von Klasse II an weniger Latein.Die am unteren Gymnasium im selben Zuge eingeführten oder nun stärkerberücksichtigten Realfächer - Rechnen, geometrisches Zeichnen,Naturgeschichte, Geographie, Geschichte, Schreiben, Zeichnen (78) -spielten in den Realklassen eine wichtigere Rolle. Doch ist nicht zusehen, an welcher Stelle ein wirklicher Gegenentwurf zur Lateinschuleerfolgte (79), in dem gar Traditionen der Karlsschule wiederaufgegriffen worden wären (80). Der Sinn des Entwurfs lag darin, dieRealschüler, die mit 14 Jahren eine Lehre beginnen würden, von Ballastzu befreien.Eine erste, allerdings nur marginale Lehrplankorrektur wurde 1818 ausAnlaß der Trennung der realistischen Abteilung vom Gymnasiumvorgenommen, eine zweite 1821, jeweils von Weckherlin. Folgende Fächer-und Stundentafel galt bis 1829:

 
Kl. I. a
Kl. I. b
Kl. II.
Kl. III.
Kl. IV.
Kl. V.
Kl. VI.
Lehrfächer              
Religion
3
3
2
2
2
2
1
Deutsche Sprache
6
6
6
4
3
2
2
Latein. Sprache
10
10
6
6
6
6
6
Französ. Sprache
5
6
6
6
6
Rechnen
3
3
3
3
3
3
3
Geometrie
2
2
2
3
3
Naturgeschichte
1
2
3
Naturlehre
2
2
Geographie
1
1
2
2
2
2
2
Geschichte
1
2
2
2
Schreiben
6
6
4
4
3
Formenlehre
3
2
Zeichnen
4
4
4
4
4
             
zusammen wöchentlich
32
32
34
34
34
34
34


Es verblüfft der Umfang des Lateinunterrichts an der Realschule.

Das entsprach nicht dem Willen des Königs, von dem mehrereÄußerungen erhalten sind, die ihn als "Realisten" ausweisen. So erregteein Lehrplan für das Gymnasium von 1819 sein "Mißfallen", weil indiesem "den todten Sprachen ein ganz außer allem Verhältniß mit derübrigen wissenschaftlichen Bildung der Zöglinge stehendes Gewichtbeigelegt" wurde, während der "Erwerbung anderer, der künftigenBestimmung des größten Theiles der Zöglinge viel angemessenerer, jaunentbehrlicher Kenntnisse die nöthige Zeit geraubt" werde (81). DieLehrer des Gymnasiums verfaßten nun ein umfängliches Gutachten, dessenFazit lautete: "Die Zahl der philologischen Stunden kann unmöglichvermindert werden." Zugleich machten sich die Herren, um vom Gymnasiumabzulenken, zum Fürsprecher realistischer Bildung: "Nur eine höhereRealanstalt kann in Beziehung auf das obere Gymnasium den Knoten lösen"(82). Sie dachten dabei an Klassen für Schüler zwischen 14 und 18Jahren, gingen also über den Umfang der Realschule von 1818 hinaus undsetzten sich, was das Latein betrifft, im Verein mit demgleichgesinnten Studienrat durch. Aus ihrer Sicht mochte es einausreichendes Zugeständnis sein, wenn in der Realschule nur zwischensechs und zehn Wochenstunden Latein gelehrt wurden, während diegleichaltrigen Schüler am mittleren Gymnasium nach wie vor um diezwanzig Stunden Lateinunterricht empfingen (83). Erst mit der Eröffnungder Königlichen Real- und Gewerbeschule 1829 wurde der Lateinunterrichtspürbar zurückgenommen: Von nun an gab es in den beiden erstenRealklassen nur noch je sechs Stunden Latein, in den drei folgenden jevier und in der 6.Klasse nur noch eine pro Woche (84).
Obwohl stärker als die anderen Realklassen im Lande aus derLateinschule herausgelöst, hat hinsichtlich der Beibehaltung einesstarken Anteils an Latein die Stuttgarter Realschule eine eigeneEntwicklung genommen. Auf Kosten des Lateins finden sich auf dem Landein den Lehrplänen Fächer wie "Kräuterkunde" oder "ökonomische Zoologie"(hier ging es um Haustiere). Der Grund liegt darin, daß jene SchulenEinrichtungen der Gemeinden waren, wo praktisch orientierte Lehrpläneleichter zum Zuge kamen, während die staatliche Stuttgarter Schule ihreHerkunft aus dem Gymnasium nicht verleugnen konnte (und wollte) (85).Außerdem hatte sich der Typ der Realschule bis 1830 in einer allgemeinakzeptierten Form noch nicht herausgebildet. Klar war nur, daß sieeigentlich keine Lateinschule sein und das Niveau der "DeutschenSchulen" übertreffen sollte. Offen blieb, wie weit sie realistischeAllgemeinbildung zu vermitteln hatte und was das im einzelnen war.Strittig waren auch Art und Ausmaß unmittelbarer Berufsbezogenheit.
Einen Eindruck von dem, was in Stuttgart an realistischem Lehrstoff geboten wurde, gibt folgende Zusammenstellung Weckherlins:

In der pragmatisch wirkenden Benennung und Summierung einzelnerLehrgegenstände wird deutlich, daß bildungstheoretische Erwägungen, wiesie um die Jahrhundertwende neu und entschieden einsetzten undinsbesondere in Preußen (Humboldt, Süvern) Reform, Auf- und Ausbau desSchulwesens begründeten, hier keine Rolle spielten. StrukturierendePrinzipien fehlen diesem Plan fast ganz. Immerhin ist von einem"Stufengang" des Unterrichts die Rede. Das uns vertraute Prinzip derJahrgangsklassen (im Gegensatz zu Fachklassen) war noch nichtselbstverständlich und z.B. am Stuttgarter Gymnasium erst 1795eingeführt worden (86).
Die Aufgliederung der realistischen Fächer in Weckherlins Plan istuns an vielen Stellen fremd. Die Verselbständigung einzelnerDisziplinen auf moderner wissenschaftlicher Grundlage hat noch nichteingesetzt. Das läßt sich hier zeigen an "Naturlehre" und"Naturgeschichte und Technologie". Deren einheitlichen Hintergrundbildete um 1820 in Deutschland noch die spekulative Naturphilosophie.In der "Naturlehre", deren Gegenstände sich hier lesen wie antiquierteBezeichnungen moderner Inhalte der Fächer Physik und Chemie, kam esnicht darauf an, mit Experimenten und auf mathematischer Grundlageallgemeine Naturgesetzlichkeiten zu lehren, sondern Naturerscheinungenwurden demonstriert. Die Naturgeschichte hatte als Teil derNaturphilosophie die Lehre von den drei "Reichen" der Pflanzen, Tiereund Steine zum Inhalt (87). Sie erhält in diesem Lehrplan eineutilitaristische Wendung. Der Anwendungsgedanke macht sich auch in denFächern Geographie und Französisch bemerkbar ("Gebrauch imgesellschaftlichen Leben"). Das Fach Geschichte, im späteren19.Jahrhundert eine Leitwissenschaft, gehorcht in Weckherlins Plan demnicht spezifizierten Strukturprinzip der "Merkwürdigkeit" - in derdoppelten Bedeutung des Wortes - von "Männern, Begebenheiten,Erfindungen".
Bei allem Mangel an Strukturierung lassen sich doch an einzelnenStellen moderne realistische Züge erkennen. Da ist einmal dieOrientierung an Handel und Produktion, hier insbesondere die Erwähnungvon "Manufakturen" und "Fabriken". Ein Gegensatz zur Welt des altenHandwerks wird spürbar. Vor allem aber sind es die mit Wochenstundennicht schlecht ausgestatteten Fächer Formenlehre und Zeichnen, die indie Zukunft weisen: Konstruktiv - funktionales Denken beginnt Platz zugreifen, der Schritt von der Nachahmung des Meisters zur theoretischenFundierung der technischen Berufsausbildung ist nicht mehr fern (88).

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(1.2.5.) Collaboratoren, Präzeptoren, Professoren

Drei Lehrer wurden 1796 neu eingestellt, ein weiterer ein Jahrspäter. Es handelte sich um einen "Jur.Cand." Herrmann, der "nebenseinen praktischen Geschäften" - wohl auf dem Felde der Juristerei - inDeutsch und Französisch unterrichten sollte. Dann um einen"Collaborator" Werner für Latein, aber auch, "bis ein eigenerSchreibmeister aufgestellt wird", für Schreiben und Rechnen. Der"Mahler" Steinkopf sollte Zeichenunterricht erteilen (89). Undschließlich kam noch der Präzeptor G.F.Haug dazu, zuständighauptsächlich für Geographie (auch am Gymnasium), später bekanntgeworden als Herausgeber von Landkarten und Globen (90).
Aus heutiger Perspektive mag es befremden, daß ein Jurist ohneExamen als Lehrer angestellt wurde. Aber der Beruf des Lehrers anöffentlichen Schulen außerhalb der Lateinschulen war noch im Entstehenbegriffen. Französisch gab eben ein Franzose: von 1820 bis 1830 an derRealschule Jean N. Helvig; die Zeichenlehrer dieser Anfangszeiterteilten hauptsächlich Privatunterricht, und dieser war noch langeeine Alternative zur Schulstelle: z.B. betätigte sich Reallehrer Wannervon 1835 bis 40 als Hofmeister in Warschau (91). Das erste Seminar fürElementarlehrer wurde in Württemberg 1825 eröffnet, einReallehrerseminar elf Jahre später (92). Erst 1828 erging einestaatliche Prüfungsordnung für die Lehramtsbewerber an "lateinischenUnterrichtsanstalten und Realschulen" (93). Prüfungen, für die nochkein fester Ausbildungsgang vorgeschrieben war, fanden nun regelmäßignach dem Konkursverfahren statt. Bis dahin hatte eine Kommission desSchulträgers auf der Grundlage beigebrachter Zeugnisse entschieden,welcher Bewerber zum Zuge kam. Nur die Präzeptoren der Lateinschulenhatten in der Regel Seminar und Tübinger Stift durchlaufen und vor demPädagogarchen, dem Vorsteher des Stuttgarter Gymnasiums, und einemVertreter der Geistlichkeit eine Prüfung abgelegt (94). Aberqualifizierte Lehrkräfte für die realistischen Fächer zu finden blieblange ein Problem - es sei denn, ein Kandidat nahm einen Bildungsgangwie Christian Frisch, von 1833 an Lehrer an der Realschule und späterihr Rektor.
Dieser, 1807 geboren, hatte das Stuttgarter Gymnasium absolviertund dann - "dem Wunsche meines verstorbenen Vaters gemäß" - in TübingenTheologie studiert. Dann aber konnte er seine "Vorliebe für Mathematikund Naturwissenschaften nicht unterdrücken und war ein eifriger Zuhörerbei den Vorträgen des Professors Bohnenberger und andererausgezeichneter Männer". Sein naturwissenschaftlicher "Trieb" führteihn anschließend ein Jahr nach Erlangen. Frisch legte 1831 diestaatliche Prüfung für Lehramtsbewerber ab und erhielt, seines Zeichens"cand.theol", 1833 an der Stuttgarter Realschule eine zunächstprovisorische Anstellung, die 1836 durch eine feste, mit dem TitelProfessor verbundene ersetzt wurde. Wer sich in Mathematik undNaturwissenschaften auf tragfähiger akademischer Grundlagequalifizieren wollte, mußte wie Frisch den Weg eines Außenseiters gehen(95). Ein solcher war auch Nicolaus v.Thouret, der als Stadtplaner undArchitekt "Stuttgarts Gesicht geprägt" hat (Borst) und der von 1819 bis1829 an der Realschule Bauzeichnen lehrte - u.a. den Schüler Leins,einen zweiten hervorragenden Architekten Stuttgarts im 19.Jh., der z.B.die Liederhalle erbaut hat (96).
Bis 1829 blieb es üblich, daß Lehrer der Realschule auch amGymnasium unterrichteten und umgekehrt. Darum kann die RealschuleGustav Schwab einen der Ihren nennen: Er gab, obwohl Professor amObergymnasium 1820, Latein an der Realschule (97).
Nach Rang und Bezahlung waren die Lehrer an der Realschule denenam mittleren Gymnasium zunächst gleichgestellt (98), und Weckherlinhatte als Schulleiter seit 1818 dieselbe Stellung wie der Rektor desGymnasiums inne (99). Die Reallehrer aber mußten bei"gemeinschaftlichen öffentlichen Zusammenkünften" hinter den Lehrern ammittleren Gymnasium gehen (100).
Eine Klärung der Rangverhältnisse wurde durch die staatlichePrüfungsordnung von 1828 eingeleitet. Hier wurde unterschieden zwischenProfessoren an erster, Präzeptoren und Kollaboratoren an zweiter sowieReal- und Elementarlehrern an dritter Stelle (101).
Die Zuordnung der Reallehrer zum niederen Schulwesen beschriebzutreffend die pädagogische Wirklichkeit an den vierklassigenRealabteilungen in der Provinz, nicht aber die Verhältnisse an dersiebenklassigen Stuttgarter Realschule. Ein Erlaß legte 1830 fest, daßder Titel Reallehrer den an einer Realschule Unterrichtenden zukomme,der "Präzeptor" aber den Gelehrtenschulen vorbehalten sei. Dennochschmückten sich die Stuttgarter Reallehrer mit diesem Titel auchweiterhin: Er hatte einen besseren Klang, weil er auf den Bildungsgangüber Lateinschule und Stift verwies. Die Stuttgarter Reallehrer konntenauch auf die Herkunft ihrer Schule aus dem Gymnasium pochen. Verwischtwurde der Unterschied zwischen Reallehrern und Präzeptoren durch dieOrdnung der Dienstkleidung von 1841. Die einen wie die anderen trugen"einen Talar von schwarzem Krepp mit einem ein Zoll breiten Besatz amKragen und ein Barett aus leichtem Wollzeug, beides von violetterFarbe, ohne Quaste". Diese schöne Amtstracht wurde noch sehr langegetragen, an einigen Schulen "bei feierlichen Gelegenheiten" noch nachdem Ersten Weltkrieg (102).
Es ging den Reallehrern ums Prestige, aber sie versprachen sichvon einem höheren Rang oft auch materielle Vorteile. Ein Pechvogelallerdings war der "Mahler" Steinkopf. 1807 wollte er "Oberpräzeptor"werden, hätte dazu allerdings seinen Namenszug unter eine Bittschriftsetzen müssen, die Lehrer des Gymnasiums aufgesetzt hatten, denen dieerbetene Rangerhöhung zuteil wurde. War Steinkopf nachlässig gewesen,oder lehnte man ihn ab, weil er nur an der Realabteilung unterrichtete?Die Folge: Er erlangte nicht die Befreiung seines Sohnes von derMilitärkonskription, die mit dem "Oberpräzeptor" verknüpft war (103).
In der Bezahlung trennten sich die Wege zwischen Real- undGymnasiallehrern in Stuttgart mit der Entflechtung der beiden Schulen.Mehrfach kamen in den folgenden Jahrzehnten die Stuttgarter Reallehrerum Aufbesserung ihres Gehalts ein, wobei ein wichtiger Bezugspunktimmer das Einkommen der Lehrer am Gymnasium blieb (104). Klagen warenauch schon 1811 laut geworden - hier kämpften noch die Lehrer derRealabteilung gemeinsam mit denen vom mittleren und unteren Gymnasiumum den Anschluß an die Kollegen von der Oberstufe (105). Aus Gründender Bezahlung, aber auch wegen des höheren Ansehens, bemühten sicheinige Reallehrer, ans Gymnasium zu kommen, so z.B. Chr.Frisch (106).
Das Gehalt der Reallehrer war karg. Es wurde seit 1818 nicht mehrdirekt aus dem Schulgeld entnommen, sondern aus der Staatskasse, in diedas Schulgeld wanderte (107). Noch bis 1823 wurde es auch in derResidenzstadt nicht vollständig in Geld ausbezahlt. Rektor Weckherlinkam in diesem Jahr "um Umwandlung seiner Weinbesoldung" - gemessen nach"Eimern" - "in eine Geldbesoldung" ein und hatte Erfolg (108).
Es gab Nebeneinkünfte, vor allem durch Privatunterricht, den dieLehrer ihren eigenen Schülern erteilten. Diese heikle Praxis zog immerwieder die Aufmerksamkeit des Königlichen Studienrats auf sich, z.B.1829, 1843 und 1852. Im November 1829 mußte Rektor Weckherlin vonseinen Lehrern eine "schriftliche Erklärung" über ihre Privatstundenverlangen. Hintergrund waren "so manche Beschwerden von Eltern".
Nicht weniger als zehn Lehrer zogen alle Register, um ihrePrivatstunden in günstigem Licht erstrahlen zu lassen. Beschwerden vonEltern kannten sie nicht, vielmehr umgekehrt deren "Verlangen" nachdiesem Unterricht sowie der kostenlos gewährten Beaufsichtigung ihrerSprößlinge, wenn das "Schulprivat" z.B. die Mittagszeit überbrückte.Der Unterricht half "schwächeren Schülern"; "Begünstigung derPrivatschüler" kam nicht vor, das konnte allenfalls die zu verwerfende"Meinung einiger Eltern" sein, "deren Kinder nicht immer zu dengesittetsten und fleißigsten gehören"; Nachteile aus dem "großenAndrang" zur Realschule, die dem einzelnen entstehen mochten, wurdenausgeglichen; man bewahrte die Schüler vor der Unfähigkeit der"Hauslehrer" und deren unverschämten Geldforderungen - denn selbst warman billig, tat es für 30 Kreuzer die Stunde, ließ "unbemittelteSchüler" gratis teilnehmen.
Weckherlin teilte dem Studienrate mit, daß er künftig nur nochPrivatstunden von Lehrern für Schüler der eigenen Klassen zulassenwolle, auch nur auf "schriftliche Bitten der Eltern" und nur "in denöffentlichen Lehrzimmer" - offenbar wollte er besser kontrollieren. DerStudienrat aber drehte den Spieß um, erlaubte Privatunterricht nur nochin den Wohnungen der Lehrer und traf diese damit hart. Denn dieseWohnungen waren für ausufernden Gruppenunterricht zu klein.
1843 sprach der Studienrat den entscheidenden Punkt unverblümt an:"Jede directe oder indirecte Aufforderung zur Theilnahme anPrivatstunden der Lehrer ist diesen streng untersagt (109)".

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