Abirede 2010
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kollegen,als Herr Dupper mich bat, heute anlässlich der Zeugnisverleihung ein paar "unpassende Worte", (das sagte er tatsächlich so) zu sprechen, kam ich ins Grübeln. Passende Worte wären mir schon schwer gefallen, aber unpassende? Traute er mir vielleicht nur Unpassendes zu? Ich versprach, ich würde mir Mühe geben. Hier also das Resultat meiner Grübelei:
Als Josef K., der Held aus Kafkas Roman "Der Prozess" eines Morgens verhaftet wurde, hatte er in dem Moment glatt vergessen, dass er einst Abitur gemacht hatte. Ohne diesen Abschluss wäre er ja nie Prokurist einer großen Bank geworden. Sein Abitur interessierte ihn aber gar nicht. Auch die Hochschulreife seines Schöpfers Franz Kafka wird in den zahlreichen Biographien kaum erwähnt. Ist das Abitur vielleicht nicht so wichtig? Oder ist eine solche Betrachtungsweise eher ein tschechisches Problem? Auch Tomas, der Held aus Milan Kunderas Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" macht zwar Abitur und wird erfolgreicher Arzt, so etwas wie Glück oder Sinn empfindet er allerdings erst als Traktorfahrer in der Provinz. Und schon vorher, als Fensterputzer, ging es ihm nicht unbedingt schlechter als in seinem Leben als Mediziner. Zumindest konnte er weiterhin – was ihm offensichtlich sehr wichtig war – mit vielen verschiedenen Frauen verkehren. So: Thema verfehlt, Baeuerle. Das ist nun doch zu unpassend! Ein solcher Beginn schickt sich nicht für eine Zeugnisvergabe anlässlich einer Reifeprüfung. Was interessieren hier literarische Gestalten unserer östlichen Nachbarn?
Ihr, die Ihr hier feierlich vor mir sitzt, seid stolz und wollt feiern. Ihr seid sich auch erleichtert. Es war ja nicht immer leicht in den vergangenen Jahren. Schulstress soll es tatsächlich geben. Ihr habt allen Grund stolz auf das Erreichte zu sein. Ihr hab den Initiationsritus "Mündliche Prüfung" durchlaufen, das Abi in der Tasche und ich gratuliere Euch ganz herzlich. Und ich wünsche Euch für heute und die nächsten Tage die nötigen kontrollierten Feierexzesse. Trotzdem, ich such immer noch mein unpassendes Thema. Was soll eine Rede anlässlich einer Zeugnisvergabe? Was wollt Ihr da von einem Deutschlehrer? Wie Ihr am schnellsten Ingenieure oder Fondsverwalter werdet, konnte ich Euch schon in den letzten beiden Jahren nicht erklären. Was wollt Ihr also von mir? Einen versöhnlichen Rückblick, einen Ausblick in die Zukunft, gute Ratschläge? Aber was nutzen diese, wenn man vielleicht schon morgen ohne offensichtlichen Grund verhaftet wird? Mit welchem Rat sollte man einem kommen, der wie Kleists "Michael Kohlhaas alles verloren hat, auch den Glauben an die Sinnhaftigkeit der Welt und der darüber Amok läuft. Sollte man einen Blick in die Zukunft wagen, wenn nicht nur die bundesdeutschen Scheidungsstatistiken, sondern auch die von uns besprochenen Liebesgedichte davon zeugen, dass am Ende oft der Schmerz einer gescheiterten Beziehung steht.
"Baeuerle, wo bleibt das Positive?" habt Ihr mich in den letzten beiden Jahren ab und zu gefragt. Und in der Tat ist mir auch mit Blick auf die von uns im Unterricht gelesenen Werke oft nicht viel eingefallen. Man wird nicht unbedingt fündig beim Blick in unsere literarischen Sternchenthemen, auch nicht bei der morgendlichen Zeitungslektüre. Wo bleibt das Positive? Ich versuche eine Antwort. Schaut auf Euch. Ich sehe glückliche, vom Feiern etwas müde Gesichter. Das gefällt mir. Das finde ich irgendwie positiv. Ich wage also die These, die Positiven, oder schöner gesagt, diejenigen, die Hoffnung geben, sitzen heute hier vor mir. Menschen, die nicht, wie es gerade Mode zu sein scheint, zurücktreten, sondern antreten, sich eine Welt jenseits der Schule und ihrer Familien zu erobern. Ihr seid die, die Hoffnung geben. Mit jedem von Euch begann vor ca 18 Jahren ein neuer Anfang. (Ich sage circa, weil manche von Euch in der Tat schon etwas älter sind und das FEG so schön fanden, dass sie hier noch etwas länger bleiben wollten.) Egal aber wie alt, jeder von Euch hat die Welt, seine Eltern und Mitmenschen, auch uns Lehrer, neu beglückt mit seinem Lächeln, seiner Neugier, seinem Mut, seinem Blick, mit seiner Einzigartigkeit. Ihr werdet fragen: Und was hat das mit dem Abitur zu tun? Die menschliche Würde hängt doch nicht vom Schulabschluss ab. Und ist das nicht eine etwas kitschige Betrachtungsweise? Ihr habt uns alle hier ja, Lehrer und Eltern, nicht immer nur beglückt, sondern manchmal auch ein wenig genervt. Auch Eure Neugier hielt sich manchmal in Grenzen, zumindest was schulische Inhalte anbelangte.
Natürlich ist das kitschig. Kitsch, das habt Ihr bei mir (und Kundera) gelernt, schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was der menschlichen Existenz im Wesentlichen unannehmbar ist. An einem Tag wie heute sei Kitsch erlaubt, an einem solchen Tag muss man kitschig sein dürfen. Und man darf auch die Utopie bemühen, dass mit Eurem Schritt raus aus der Schule, rein ins ernste Leben (so haben meine Lehrer früher das formuliert) wieder ein Neuanfang startet, mit Neugier, Würde und auch ein wenig Erfolg. Dazu soll Euch das Abitur helfen. Mehr kann es nicht.
Einen Rat und einen Schluss bin ich Euch (unpassender Weise) dann doch schuldig: Der Schwarzwälder Dichter mit spanischen Eltern, F.R.Olivier, veröffentlichte seine jüngsten Gedichte unter dem Motto "Man muss sich immer verlassen können". Es wäre schön, wenn Ihr beide Bedeutungsebenen dieses Satzes erkennen und beherzigen könntet. Gut ist es, wenn man Mitmenschen findet, mit denen man gemeinsam sein kann, die einen stützen und mit denen man Solidarität üben darf. Gut ist es aber auch zu wissen, dass man immer wieder die eigene Identität überprüfen, sich selbst verlassen kann.
Als ich vor 25 Jahren schon einmal eine Rede anlässlich meines eigenen Abiturs halten sollte, habe ich gekniffen. Meinen Text trug jemand anderes vor, der mehr Mut hatte. Warum ich das erzähle? Vielleicht soll dieses Beispiel nur zeigen, dass Menschen sich auch nach dem Abi noch verändern. Manchmal sind sie froh darüber, z.B. wenn sie sich etwas verspätet trauen, eine Rede zu halten. Manchmal eher nicht, z.B. beim morgendlichen Blick in den Spiegel.
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, ich wünsche Euch, dass Ihr Eurem Leben die richtigen Wünsche entgegenbringt und dass sie Euch erfüllt werden.
(Jochen Baeuerle)
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