Theaterbesuch "Der Kick", katholische Religion zweistündig, 12. Klasse
Wir, der zweistündige katholische Religionskurs der zwölften Klasse besuchten mit Herrn Elser am 16. Juli 2008 das Theaterstück "Der Kick". Dieses Theaterstück dokumentiert die Umstände eines Falls, der sich vor sechs Jahren in Potzlow (Uckermark) ereignet hat. In der Nacht zum 13. Juli 2002 misshandelten die Brüder Marco (23) und Marcel (17), sowie ihr Freund Sebastian (17), unter starkem Alkoholeinfluss den sechzehnjährigen Marinus (16), der mit Marcel befreundet war. Die der rechten Szene angehörigen Täter schlugen auf ihr schwächeres Opfer über Stunden hinweg ein, bis sie ihn schließlich brutal nach dem Vorbild des "Bordsteinkicks" aus dem Film "American History X" töteten. In dem Dokumentartheaterstück zeigen zwei Schauspieler Ausschnitte aus Gesprächen, die der Regisseur Andres Veiel sowie Gesine Schmidt über sechs Monate hinweg mit neunzehn Beteiligten führten. Diese Gespräche mit den Brüdern Marco und Marcel, ihren Eltern, den Eltern des Opfers, Freunden des Opfers und der Täter, Vertretern der Staatsanwaltschaft und der Dorfgemeinschaft bilden die Grundlage für das Theaterstück. So werden in "Der Kick" die Biografien der Beteiligten vermittelt. "Der Kick" sucht nicht nach Entschuldigungen oder Verständnis für die Tat. Die Intention des Theaterstücks ist es vielmehr, ein differenzierteres Bild der Tat und ihrer Hintergründe zu zeichnen, als es vor sechs Jahren in den Medien geschehen ist. Damals erzeugten die Medien das Bild von den Tätern als rechtsradikale Monster, die aus Freude und Hass quälen und morden. Dieses Bild ist angesichts der Grausamkeit der Tat auch leicht nachzuvollziehen. Dennoch wird in "Der Kick" deutlich, dass nicht Hass oder rechtes Gedankengut für die Tat verantwortlich waren. Alle Gesprächsausschnitte werden von denselben zwei Personen dargestellt, um den Fokus ganz auf das Gesagte zu lenken und die Menschen, die sprechen, nicht vorab durch Äußerlichkeiten zu charakterisieren. So wird versucht, allen Figuren die gleiche Basis zu geben, sodass der Zuhörer möglichst objektiv bleiben kann. Bis auf einen schwarzen Kasten, den man durch eine Kunststoffscheibe einsehen kann und eine Bank im Vordergrund ist die Bühne leer. Die Schauspieler tragen Springerstiefel, eine schwarze Hose und einen neutralen schwarzen Pullover. Auch dies dient dazu, dass sich der Zuschauer nicht durch Äußerlichkeiten von dem Gesprochenen ablenken lässt. Alles soll so neutral und objektiv wie möglich dargestellt werden, wenngleich dies den Interviewern in Anbetracht der Brutalität der Tat schwer fiel.Wenn zwischen den neunzehn von den zwei Schauspielern dargestellten Personen gewechselt wird, ändert sich nicht nur die Sprache, sondern auch die Körperhaltung der Darsteller. Dadurch wird die Aussage der Person verstärkt, aber auch ihre Position und Stimmung deutlich. Die Mutter von Marinus zum Beispiel saß stets etwas krumm da, mit gesenktem Blick und den gefalteten Händen zwischen den Knien. Sie redete kaum, warf nur wenige Details ein, wenn ihr Mann etwas sagte. Dieser saß nach vorne gebeugt da, seine rechte Hand auf das Knie gestützt, und starrte den Zuschauern entgegen. Auch bei einem Freund des Opfers konnte man die Verzweiflung förmlich spüren, während Marcel sich der Schwere seiner Schuld kaum bewusst war. Er antwortete fast nur auf Fragen, erzählte, wie er auf Marinus eingeschlagen habe, "weil’s Spaß machte" und weil er nicht wusste, was er "sonst hätte tun sollen".
Marcel war ein Mitläufer. Er war wie Marinus Hip Hopper gewesen, wie alle anderen, aber als sein Bruder neun Tage vor der Tat aus dem Gefängnis entlassen wurde, ließ er sich sofort eine Glatze schneiden. Während des Stückes wurde deutlich, dass Marco der Anführer der drei Täter war. Er hatte zuerst die Idee, dass auf Marinus eingeschlagen werden müsse. Marcel machte mit, weil er das "so machen musste, weil alle auf Marinus eindroschen". Gegen Marinus persönlich habe er nichts. Marcel wusste auch, dass Marinus kein Jude war, dennoch zwang Marco ihn wiederholt, dies zu behaupten. Und es war auch Marco, der am Schweinestall anhalten wollte, um Marinus weiter zu misshandeln. Deshalb scheint es auch paradox, dass Marcel es war, der Marinus in den Schweinetrog beißen ließ und ihm mehrmals mit voller Kraft auf den Kopf sprang. Marcel beschrieb, er habe es nicht tun wollen. Er sagte, er hätte es nicht getan, wenn er nicht so betrunken gewesen wäre, wenn sie nicht am Stall gehalten hätten. Aber in der gegebenen Situation hätte er Marinus misshandeln müssen. Nicht, weil er dazu gezwungen worden wäre, es war eben so. Und dann seien bei ihm "alle Sicherungen durchgebrannt". Warum er es getan hatte, wusste Marcel auch nicht mehr so genau.
Diese Tatsache, dass von so jungen Menschen ohne ersichtlichen Grund grausame Gewalt ausgeübt wird, machte uns Zuschauer sprachlos. Die Erfahrung, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, ohne ausreichende Bildung und ohne Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft und dass diese Menschen vor einer totalen Leere stehen bestürzte. Nicht nur die Brüder Marco und Marcel sind in dieser Situation gewesen. In Potzlow ist die Arbeitslosenquote hoch. Deswegen sind dort viele Menschen unzufrieden und verlieren nach und nach die Hoffnung. Als Folge davon sind dort viele Menschen alkoholabhängig, so auch zwei erwachsene Zeugen der Tat, die sich nicht meldeten. Auch ist diese Grundunzufriedenheit Nährboden für rechtsradikales Denken. Dadurch entstand der Eindruck, dass in Potzlow eine Art "Bodensatz der Gesellschaft" lebt. Diese Perspektivlosigkeit, diese Leere schockierte uns als Zuschauer besonders. Keiner hat etwas gemacht. Keiner hat etwas mitbekommen. Und dennoch entstand ein extremes Gewaltpotential bei den Beteiligten, das in einem grausamen Mord gipfelte. Es ist für uns unfassbar und entsetzlich, dass ein derartiges Gewaltpotential entsteht.
In einer Nachbesprechung mit Gesine Schmidt und den Darstellern Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch hatten wir anschließend die Gelegenheit, Fragen zu stellen zu dem Dokumentationstheaterstück und der Entstehung von "Der Kick". Diese Fragerunde war für uns alle sehr ergiebig und interessant.
Abschließend bleibt noch zu sagen, dass der Theaterbesuch von "Der Kick" für uns lehrreich und informativ war und uns tief bewegt hat. Es war eine völlig neue Erfahrung für uns. Wir sind über den Besuch des Dokumentartheaterstücks "Der Kick" froh.
Von Robin und Marlon Azinovic
Bild: Staatstheater Stuttgart
Darsteller: Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch
© Nachlass Wilfried Böing
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(Foto: Staatstheater Stuttgart)
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