Von der Kurzgeschichte zum Comic
Bericht aus der Comic-WerkstattAn einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. – So beginnt die Novelle Kleider machen Leute des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller (1819 – 1890), die Generationen von Schülern bekannt sein dürfte. Wie der Schneider Strapinski aufgrund seiner äußeren Erscheinung versehentlich für einen Grafen gehalten und in diese Rolle gewissermaßen gedrängt wird, bis er sich ihr schließlich nicht mehr entziehen kann – oder will –, das ist auch heute noch amüsant zu lesen und wirft Fragen auf, die aktueller sind denn je: Inwieweit beeinflusst der erste Eindruck, das äußere Erscheinungsbild eines Menschen die Meinung, die wir von diesem haben? Wie stark lassen wir uns von Äußerlichkeiten täuschen? Ist es legitim, sich dieser ‚Täuschungsmanöver’ zu bedienen, um gewisse Ziele zu erreichen? Doch bei aller Aktualität und überzeitlichen Bedeutung ist und bleibt die Lektüre eines 1873 verfassten literarischen Textes für einen Schüler, der 2009 die achte Klasse besucht, zunächst einmal schwierig...
Eine Möglichkeit, sich mit dem Text zu beschäftigen – das heißt auch und vor allem: in ihn einzutauchen, ihn zu durchdringen, sich in ihn zu verbeißen –, ist, einen Comic aus ihm zu machen! Am FEG ist dies in den vergangenen Jahren bereits zweimal mit Erfolg praktiziert worden: den Anfang machte die 8a (jetzt Stufe 12) mit Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell; im Jahr darauf nahm sich die 8b (jetzt 10b) Kurzgeschichten verschiedener Autoren des 20. Jahrhunderts vor. Herausgekommen ist jeweils ein wirklich passables Comicbuch. Hintergrund des Ganzen ist das Projekt ‚Unterricht im Dialog’, eine Kooperation des Literaturhauses Stuttgart mit insgesamt sieben Stuttgarter Schulen, gefördert durch die Robert-Bosch-Stiftung. (Konzept, Struktur und Durchführung des Projekts sind in der Jahresschrift 2006/07 ausführlich beschrieben.)
Im vergangenen Schuljahr war es nun die Klasse 8a, die diese Methode der Literaturumsetzung erprobt hat – eben an der Novelle. Genauer gesagt: an zwei Novellen, denn neben Kleider machen Leute brachten die 23 Schüler der Klasse mit Hans und Heinz Kirch von Theodor Storm eine weitere Novelle des 19. Jahrhunderts in Comicform – angeleitet und begleitet von Stefan Dinter, Comiczeichner, und Sandra Laib, ihrer Deutschlehrerin. Dabei ging es natürlich zunächst einmal darum, die Texte gemeinsam zu ‚erlesen’: im Literaturhaus (wo sonst?), an zwei Tagen im Februar (im Rahmen von ‚Lernen in Projekten’), und zwar in Form von Lesezirkeln (mit jeweils drei bis vier Schülern). Auf diese Weise hatten alle Schüler beide Novellen gelesen, bevor per Losverfahren entschieden wurde, wer welche ‚Szene’ zugeteilt bekommt. – Doch für die Umsetzung des Textes in eine Bilderfolge müssen zunächst die Voraussetzungen geschaffen werden: erlernt werden müssen die Geschichte und die Terminologie von Comics, das Schreiben von Dialogdrehbüchern, das Zeichnen von Gesichtern und Körpern, das Erkennen von Erzählperspektiven und ihre Umsetzung, der Einsatz dramaturgischer Mittel und vieles mehr. Wieder hat sich gezeigt, dass dem Thema Recherche eine große Bedeutung zukommt: Wie sah es anno 1882 in Heiligenhafen an der Ostsee aus und was ist eine Bürgerglocke? Wie sehen eigentlich eine polnische Pelzmütze und ein Radmantel aus? Usw. Eine besondere Herausforderung war – wie schon bei der Tell-Adaption – die Tatsache, dass die Schüler für alle Figuren, die von mehreren zu zeichnen waren, gemeinsame Festlegungen treffen mussten (Stichwort ‚Charakterbibel’) und dass sie, um saubere Anschlüsse und Übergänge zu schaffen, immer wieder gezwungen waren, miteinander zu kooperieren. Und obwohl die meisten Schüler es nicht schafften, ihre Comiczeichnungen am Reinzeichenwochenende im Juni fertigzustellen, gab doch keiner von ihnen auf – im Gegenteil: einige erklärten sich sogar bereit, Schülern, die besonders viel zu zeichnen hatten, unter die Arme zu greifen. Ein großes Lob dafür! Als Dank für ihre Mühen winkt allen Beteiligten auch diesmal die Buchpublikation ihres Comics, der spätestens im Herbst in gedruckter Form vorliegen wird.
Was aber am Ende der Kellerschen Novelle aus dem armen Schneiderlein geworden ist, das verrät Sarah Breuningers Comic-Adaption. Viel Vergnügen beim Lesen der Bilder!
(Sandra Laib)
Zwei Beispielseiten aus dem produzierten Heft:

> Bericht von der Comicwerkstatt im Schuljahr 2007/08
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